Leseprobe „Goldgräber“

Die Wahrscheinlichkeit von sechs Richtigen im Lotto soll bei rund eins zu vierzehn Millionen liegen. Mir erzählte einmal ein Mathematiklehrer, es sei wahrscheinlicher, von einem Blitz und einem herunterfallenden Satelliten zum gleichen Zeitpunkt getroffen zu werden, als beim Lotto die richtigen Zahlen anzukreuzen. Doch obwohl es so unwahrscheinlich ist, haben einige Menschen jedes Jahr Glück und werden Lottomillionäre.

Mit Glück und Zufall hat auch meine Geschichte zu tun. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich so viele Zufälle bei mir vereinten, dürfte ebenfalls bei eins zu vierzehn Millionen gelegen haben. In den letzten Jahren verbrachte ich sehr viel Zeit damit, zu recherchieren, wie es zu diesen Zufällen und Ereignissen kommen konnte. Heute, wo ich alles zu Papier bringe, fällt es mir schwer, den Zeitpunkt zu finden, an dem meine Geschichte beginnen soll. Der Moment, an dem ich das Ergebnis auf meinem Konto sah, ist zu spät. Auch 1970, der Zeitpunkt meiner Geburt, erscheint mir noch zu spät, denn die Kette der Ereignisse begann bereits 1942. Deshalb beginne ich meine Geschichte nun an dem Tag, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart das erste Mal berühren.

... ich war damals acht Jahre alt und wir lebten in dem kleinen Ort Oppendorf, in Schleswig-Holstein, etwa fünf Kilometer Luftlinie östlich von Kiel. Er bestand nur aus einer schlechten Straße mit vielen Schlaglöchern. Links und rechts standen Einfamilienhäuser, von denen einige alt und baufällig waren.

...das wenige Gummi, das sich noch auf den Felgen befand, zeigte sich porös und alles war von Gräsern völlig zugewachsen. Als wir das brüchige Blech der Motorhaube quietschend nach oben drückten und die Gräser und das Moos entfernten, konnten wir den Markennamen und das Baujahr eingestanzt in der Karosserie noch schwach lesen: Opel Kapitän, Baujahr 1939.

...w ieder im Lager tobte Hauptsturmführer Schuster vor Wut und beschimpfte seine Untergebenen mit derbsten Kraftausdrücken. Zwei SS-Männer seiner Elitetruppe waren von einem polnischen Juden mit einem rostigen Spaten erschlagen und einer war von seinen eigenen Kameraden erschossen worden. „Und dann lasst ihr dieses Schwein auch noch flüchten!“, schrie Schuster seine Männer an. „Wenn das rauskommt, dann sehen wir uns alle an der Ostfront wieder. Kameraden, da fährt man mit euch Schlitten, bis das Wasser im Arsche gefriert!“

Umgehend ließ Schuster Fernschreiben an alle Polizeiposten schicken, die den Flüchtenden beschrieben. Aber wie sah er eigentlich aus? Keiner konnte es so genau sagen, weil es keinen Grund gegeben hatte, sich diese Leute genauer anzuschauen.

...ich warf einen Blick in die gut sortierte Minibar und mixte zwei Side Car. Als sie zurückkam, setzten wir uns auf das schwarze Ledersofa, vor dem ein Glastisch stand. Sie trank einen Schluck und fragte: „Das ist lecker, was ist da drin?“

„Brandy, Cointreau und Zitronensaft. Das wird alles in einen Shaker mit Eis gegeben und nennt sich dann Side Car“, erklärte ich ihr.

Wir saßen auf dem Sofa einander zugewandt, als sie die ersten beiden Knöpfe ihrer Bluse öffnete. Dann öffnete sie weitere Knöpfe, bis sich mir ein wunderschöner Ausblick auf ihren weißen Spitzen-BH bot. Sie saß nur wenige Zentimeter von mir entfernt, schaute mich an und genoss den Anblick meiner Verlegenheit. „Bist du schüchtern?“, fragte sie.

„Äh, nein“, antwortete ich.

„Dann komm gefälligst her!“

...es war der 06.04.1945, gegen zehn Uhr morgens. Alfred Berger saß mit Hauptsturmführer Schuster in der Küche seines Hauses in Eigenheim. Was die beiden Herren zu diesem Zeitpunkt nicht wussten, war, dass sie nur noch weniger als sechs Stunden zu leben hatten.

Beide saßen mit schmutziger Arbeitskleidung am Küchentisch vor einer Tasse Bohnenkaffee. Die körperliche Arbeit war eigentlich nicht ihr Metier, aber dieses Mal schien es unerlässlich zu sein, selbst Hand anzulegen. Ihre kleine Baumaßnahme musste geheim bleiben und nur sie kannten den Grund. Niemand, nicht einmal ihre Ehefrauen, sollte davon erfahren.

Obwohl der verheerende Luftangriff der Alliierten schon drei Tage zurücklag, zog noch immer der Geruch von Rauch über das Dorf. Bei diesem Angriff waren zwanzig Menschen alleine im Lessing Bunker, der voll getroffen worden war, ums Leben gekommen. 230 weitere Kieler hatten den Tod durch Kohlenoxydgase gefunden.

...der Juni war gekommen und ich meldete mich in der Prinz-Heinrich-Kaserne in Lenggries, beim Luftabwehrraketengeschwader 6, im tiefsten Oberbayern.

...nun sollte es nur noch eine kleine Bustour von einer Stunde sein, bis wir uns am Ziel im Camp Dona Ana, inmitten der texanischen Wüste befanden. Dona Ana war eine Barackenstadt, die von allen Streitkräften der NATO angemietet werden konnte, um dort ihre Soldaten auszubilden. Ich ging durch den weichen Sand des endlos wirkenden Camps, in dem eine Wellblechbaracke neben der anderen stand. Meine Bude hatte die Nummer 8112. Ich betrat die schäbig wirkende Unterkunft und begrüßte die anderen neunzehn Kameraden...

Leseprobe „Goldgräber“

ISBN 978-3-8370-4919-0

 
     
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Achim Rathke
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